Sonntag, 17. Januar 2010

Metaklassen in Objective-C und Common Lisp

In einem meiner Lieblingsblogs, Matt Gallaghers "Cocoa with Love", ist heute ein Artikel über Metaklassen in Objective-C erschienen. Für Lisp-Fans sind Metaklassen natürlich kein neues Thema; Common Lisp ist eine der wenigen Programmiersprachen, deren Objektsystem CLOS selbst-reflektiv in sich selbst entwickelt ist. Die Programmierschnittstelle dafür nennt man das Metaobjektprotokoll (MOP).

Metaklassen in Objective-C

Matt Gallagher zeigt in seinem Artikel, wie die Objective-C-Runtime Objekte realisiert. Als C-Struktur betrachtet, ist das erste Element jedes Objekts in Objective-C ein Zeiger auf seine Klasse. Klassen wiederum sind in Objective-C ebenfalls Objekte; folglich ist deren erstes Element ebenfalls ein Zeiger auf ihre Klasse: Die Metaklasse. Dieses Spiel könnte vermutlich in infinitem Regress immer so weiter gehen – wäre da nicht eine kleine Besonderheit. NSObject, die Wurzel des Objective-C-Klassenbaums ist selbst ein NSObject. Das erste Element des Objekts NSObject zeigt auf die Klasse NSObject.

In Objective-C sind Methoden Bestandteil von Klassen; wie wohl in den meisten heutigen Programmiersprachen. Sendet man eine Nachricht an ein Objekt, dann wird zuerst die Klasse ermittelt und in deren Liste der Methoden die passende Methode gesucht. Ist dort keine passende Methode, so wird dasselbe mit der Superklasse probiert. Da Klassen ja selbst auch Objekte sind können sie auch Methoden haben (also Rezepte wie sie auf bestimmte Nachrichten reagieren). Die Methoden einer Klasse nennt man Klassenmethoden; typische Beispiele dafür sind alloc oder init. Die Klasse eines Objekts enhält also die Liste seiner Methoden; die Metaklasse eines Objekts (Klasse der Klasse) enthält die Klassenmethoden. Da jede definierte Klasse eigene Methoden haben kann, benötigt in Objective-C jede Klasse eine eigene Metaklasse.

Metaklassen in Common Lisp (CLOS)

Dienstag, 15. Dezember 2009

Staatlich verordnete Pflichtbackups

Ein neuer Wind weht in unserem Innenministerium. Die Zeit, in der Ideen wie Zensur und Totalüberwachung "en vogue" waren sind vorbei. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will sich endlich für ein neues Vertrauen zwischen Staat und (netz-affinen) Bürgern einsetzen. Damit ist er nicht alleine. Auch Eco, der Verband der deutschen Internetwirtschaft sorgt sich um die Netzbürger, also seine Kunden. Denn diese sind der unwirtlichen und gefährlichen (gar von manchen als "rechtsfrei" bezeichneten) Welt des Internets oft schutzlos ausgeliefert. Hacker, Viren und alte Software gefährden die Sicherheit unserer Mitsurfer. Sven Karge, Fachbereichsleiter des Eco-Verbands antwortete WELT ONLINE mit:
Zentrale Frage für uns ist, ab wann dürfen wir Internetnutzer sperren? ... wir müssen darüber nachdenken, was wir mit Nutzern machen, denen es egal ist, ob ihr Computer von Kriminellen missbraucht wird.
Die Provider möchten einfach gerne die Möglichkeit haben, ihre virenbefallenen und von Hackern ferngesteuerten Kunden jederzeit über Lösungsmöglichkeiten zu informieren und sie im Extremfall wohl auch auf Quarantäne zu setzen indem man sie zu ihrer und der Sicherheit anderer vom weltweiten Datennetz ausschließt. 1&1, Netcologne, Kabel BW sind dazu bereits fest entschlossen. Die Deutsche Telekom, Vodafone und Versatel sind ebenfalls schon am überlegen. Da eine solche selbstlose Dienstleistung für fast 40 Millionen deutsche Internetnutzer eine teure Angelegenheit ist, benötigt dieses Vorhaben natürlich eine solide Finanzierung. Bloß an wen soll man sich da in Zeiten einer weltweiten Wirtschaftskrise wenden?

Rettung naht!

Andere blöde Einfälle überleben oft nichtmal die Mittagspause, doch glücklicherweise konnten die Beteiligten das Bundesinnenministerium bereits von ihrer Serviceidee überzeugen: Scheinbar passt das Konzept so gut in de Maizières neue Vertrauensinitiative, dass das Bundesinnenministerium nicht nur die Anschubfinanzierung übernimmt, sondern das Projekt auch durch das BSI begleitet sehen möchte. Die Netzbürger dürfen sich also allem Anschein nach bald auf eine BSI-geprüfte und vom Bundesinnenministerium verpflichtend vorgeschriebene Antiviren-Software freuen die unsere Rechner ständig im Hintergrund nach Schadprogrammen absucht. Was für ein Wandel: Vom Schadprogrammproduzenten (Schäubles "Bundestrojaner") zum Virenkiller (de Maizières Bundesvirenkiller?). Na dann hoffen wir mal, dass sich der Bundestrojaner nicht vielleicht unbemerkt mit dem Bundesvirenkiller verbreitet oder dass die Provider vertrauensvoll mit unseren zu durchsuchenden Daten umgehen.

Vorratsdatenspeicherung ist out - es lebe das Pflichtbackup!

Auch die Vorratsdatenspeicherung steht auf dem Prüfstein der Verfassungsmäßigkeit. Tatsächlich stehen die Chancen nicht völlig schlecht, dass dieses Werkzeug den Strafverfolgungsbehörden in Kürze wieder entzogen wird. Da stellt sich die Frage: Wie soll unser Rechtssystem ohne dieses wichtige (wenn auch bislang kaum genutzte) Mittel weiter bestehen? Die Lösung aller Probleme wäre vielleicht im Rahmen der Vertrauensinitiative des Bundesinnenministeriums möglich. Wieso nicht einfach ein staatlich angeordnetes und organisiertes Pflichtbackup für all unsere Daten? Denn durch Datenverluste haben deutsche Bürger jedes Jahr sicherlich Millionenverluste. Natürlich dürfte ein solcher Dienst nicht von der Privatwirtschaft angeboten werden - wie jeder weiß, halten die es mit Datenschutz nicht so genau! Der Staat ist doch viel vertrauenswürdiger. Das wäre ganz sicher doppelplusgut.

Montag, 30. November 2009

Ein Lisp für die JVM

In der aktuellen Ausgabe der Toolbox ist mein Beitrag »Lisp für die JVM« erschienen. Es geht um ABCL, das noch nicht allzu alte auf der JVM basierte Common Lisp. Seit ich diesen Artikel geschrieben habe, hat sich bei ABCL einiges getan. Mittlerweile liest man von ersten erfolgreichen Versuchen das Lisp auf Googles AppEngine zu betreiben. Auch der Kern des Systems - der Compiler - wird kontinuierlich weiterentwickelt und optimiert. ABCL mausert sich von einem ursprünglich als experimentell einzustufenden Prototypen zu einer vollwertigen CL-Alternative für den Einsatz im Java-Umfeld. Eine tolle Neuigkeit für mich; nicht nur als Autor, sondern auch als Softwareentwickler.

Und Clojure?

Spricht man momentan von einem Lisp für die JVM, erwarten viele Leser einen Artikel über Clojure. Ich habe Clojure durchaus auf meinem Schirm und werde wohl auch demnächst einen Artikel dazu veröffentlichen - für mich war ABCL allerdings die größere, beeindruckendere Nachricht. Ein praktikables und vollständiges Common Lisp für die JVM ist eine große Leistung.

Ich teile nicht die Ansicht, dass ein moderner neuer Lisp-Dialekt sich unbedingt an eine bestehende Laufzeitumgebung wie die JVM binden muss. Ich bin nicht einmal sicher, ob Rich Hickey diesen Punkt wirklich als Vorteil gegenüber Common Lisp gemeint hat. Für mich ergibt seine Aussage lediglich im Vergleich zu Sprachen wie Python oder Ruby einen Sinn: Viele derartige Skriptsprachen sind in den letzen Jahren erschienen; fast alle bringen ihre eigene Laufzeitumgebung mit sich. Bei einer solchermaßen ad hoc durch lediglich eine Referenzimplementierung spezifizierte Programmiersprache empfiehlt sich diese Vorgehensweise womöglich nicht mehr.

JVM kein Alleinstellungsmerkmal

Common Lisp ist unabhängig von einer konkreten Plattformen spezifiziert worden. Der ANSI-Standard legt die Plattform möglichst wenig fest; wieso nicht auch ein Common Lisp für die JVM oder die CLR entwickeln? ABCL beweist das es möglich ist und das der Standard dazu taugt. Wenn ich einen Artikel über Clojure schreibe, wird eine Fixierung auf die JVM oder CLR eher eine Nebenrolle spielen. Sie wird - wenn überhaupt - eher als Nachteil statt als Vorteil bewertet werden müssen. Clojure macht in seiner Designphase momentan genau diesen Emanzipationsschritt durch, der die VM-Bindung letztlich obsolet werden lässt. Ja - es ist pragmatisch und nützlich, aber die JVM ist kein Alleinstellungsmerkmal für Clojure. In einem Artikel über Clojure fände ich insbesondere interessant, wie viel daran dem üblichen Hype entspricht und was tatsächlich innovativ ist.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Bildung 2.0

Vorab muss ich sagen, dass meine Meinung zu unserem Schulsystem generell eher radikal ist - es gibt nicht sehr viel von dem ich daran noch überzeugt bin. Ich kann sehr wohl verstehen wenn viele das vielleicht anders sehen - ich nehme für mich nicht in Anspruch alles am besten zu wissen und lerne gerne dazu.

Ein paar Beispiele für Probleme unseres Bildungssystems:
  1. Sitzenbleiben
    Gilt mittlerweile als nicht sonderlich wirkungsvoll zur Förderung der Schüler; im Gegenteil es reißt sie aus ihrer gewohnten Umgebung und brandmarkt sie als Versager. Im Folgejahr haben sie meistens wieder die gleichen Probleme aber dafür ein Jahr verschwendet.
  2. Zensuren
    Sicherlich eine der radikaleren Ideen, aber ich halte Zensuren - in ihrer üblichen Form für kontraproduktiv, diskriminierend und schädlich. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, kann man zu dem Schluss kommen:
    1. Noten zwischen Schülern sind nicht objektiv vergleichbar
    2. Noten zu unterschiedlichen Arbeiten/Aufgaben sind nicht objektiv vergleichbar
    3. Noten zwischen Klassen sind nicht objektiv vergleichbar
    4. Noten zwischen Jahrgängen sind nicht objektiv vergleichbar
    5. Selektion basierend auf diesen subjektiven Vergleichen ist grausam.
    Jeder Pädagoge der etwas anderes glaubt hat meiner Meinung nach von Statistik keine Ahnung und vergleicht wahrscheinlich auch den eigenen IQ mit dem anderer.
    Der einzige denkbare Sinn von Zensuren kann deshalb darin liegen, den persönlichen individuellen Fortschritt eines Schülers zu dokumentieren (Nein, das ist nicht schon der heutige Zweck!). Dazu sollte auch jeder Schüler individuelle Aufgaben bekommen - je nachdem in welchen Bereichen noch Bedarf besteht. Derartiges wäre mit heutiger Technik problemlos und wirtschaftlich machbar. Es ist einer der größten Irrglauben unserer Zeit, dass "Chancengleichheit" ein humanistisch vertretbarer Grundsatz für ein Bildungssystem ist. Chancengleichheit klingt gut, heißt jedoch lediglich, dass Schwache schwächer und Starke stärker werden. Die wirtschaftliche Schere unserer Gesellschaft hat leider eine Parallele in der Bildung.
  3. Hirnrissige Vorbedingungen
    Warum brauche ich z. B. Französisch oder Latein um statt an einer FH an einer Uni Informatik studieren zu dürfen? Was bringt mir dazu eine Lehre als Gärtner? Was kann ein lateinisch sprechender Abiturient mehr? Es ist ja sogar möglich, dass ein FOS-Absolvent des sozialen Zweigs der noch zusätzlich Latein gelernt hat an der Uni Informatik studieren kann - einer aus dem technischen Zweig ohne Latein jedoch nicht. Da hilft auch kein Argument, dass es doch machbar ist eine zusätzliche Fremdsprache zu belegen - es bleibt dabei dass es inhaltlich absolut idiotisch ist.
  4. Sackgassen
    Es sollte im Bildungssystem keinerlei Regelung geben, die es einer Person verbietet einen bestimmten Abschluss jemals noch abschließen zu dürfen. Überhaupt ist es der größte Fehler unseres Bildungssystems Zertifikation und Lehre zu verbinden. Unser Bildungssystem ist gesellschaftlich nicht auf lebenslanges Lernen ausgelegt - das ist leider noch ein Wunschtraum.
Im Zeitalter der Globalisierung kann es doch für ein Land wie Deutschland nichts wichtigeres geben als massiv in Forschung und Bildung zu investieren - ich sehe da aber keine Anzeichen dafür.

Sonntag, 2. August 2009

Das "rechtsfreie Internet" - Schädliche Propaganda

Laut einer ebenso beliebten wie umstrittenen Quelle (Wikipedia), bezeichnet Propaganda:

...einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion.

In der unsäglichen Diskussion, Rechtsbrüche im Internet auch mit Zensurtechniken verfolgen zu dürfen, beschwören viele Zensur-Befürworter die angebliche Rechtsfreiheit des globalen Netzes herauf. Das ist natürlich Propaganda - denn rechtsfrei ist das Internet freilich nicht; allerdings ist es für jeden einsichtig, dass es rechtsfreie Zonen in einem Rechtsstaat nicht geben darf. Die Propagandisten erhoffen sich durch diese Brandmarkung des Internets wirkungsvollere Kontrollinstrumente für den freien Austausch von Informationen im Internet zu erlangen.

Leyenhaft

Ursula von der Leyen (CDU) - zumindest nach außen Hauptinitiatorin der Sperrpläne - gibt mittlerweile offen zu, dass man sich bemühe nunmehr neben Pornografie mit Kindern auch rechtsradikale Inhalte zu Sperren; ursprünglich wurde eine Erweiterung der Inititiative von ihr stets strikt abgelehnt. Die Familienministerin, die ihren Spitzname "Zensursula" als "patent" (also "praktisch" oder "brauchbar") empfindet, wird vom Hamburger Abendblatt zitiert:

...wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann. Wo die Würde eines anderen verletzt wird, endet die eigene Freiheit.

Diese "Anleye" klingt sehr schön "grundgesetzhaft"; die Begriffe Würde und Freiheit tauchen ja immerhin schon im Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes auf. In der Form, dass die Freiheit eines Menschen durch die Würde eines anderen begrenzt sei ist das allerdings neu. Was kann die Ministerin damit wohl meinen? Nach Begriffen des Grundgesetzes ist es Humbug.

Das Leyendreieck

Sie setzt Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde in ein sich scheinbar widersprechendes Kräftedreieck, in welchem man ein gerechtes Maß finden müsse. Ich ging bislang davon aus, dass diese Begriffe sich wechselseitig bedingen; da die Menschenwürde allerdings unantastbar ist, will Ursula von der Leyen wohl Demokratie und Meinungsfreiheit abschaffen, damit das Leyendreieck im unantastbaren Menschenwürde-Eck zusammenklappt.

Ein wenig Licht ins Dunkel bringt der Hinweis auf die Horrorvorstellung eines rechtsfreien Chaosraum "Internet" in welchem Mobbing, Beleidigung und Betrug hemmungslos möglich sind. Wenn die Ministerin von "Würde" spricht, dann meint sie scheinbar gar nicht Menschenwürde sondern ein vages Konstrukt aus Ehre und Anstand, welches ihren konservativ-religiösen Wertebild entspricht.

Bei den genannten Übergriffen handelt es sich um Probleme, die auch außerhalb des Internet zum Alltag gehören; die sowohl dort wie auch im Netz durch Gesetze abgedeckt sind. Wer glaubt, dass Beleidigung oder Betrug im Internet weniger verfolgt werden als außerhalb, der sollte sich vielleicht einmal Einblick in die einschlägige Rechtssprechung verschaffen; oder einfach mal wirklich mit einem Thema befassen bevor man Gesetze dazu veranlasst. Egal ob man jemanden auf der Straße, per Telefon, Brief oder Internet beleidigt - es ist zwar stets möglich so zu handeln aber gleichwohl strafbar.

Zensurbefürworter fördern Rechtsbrüche

Doch was, wenn die Menschen beginnen die Propaganda zu glauben? Was wäre, wenn plötzlich jeder wirklich glaubt im Internet gelte kein Recht? Oder zumindest sei nur verboten wo die rote Ursula-Plakette angebracht ist? Die Folgen wäre ein sprunghafter Anstieg von Rechtsbrüchen im Internet. Das angeblich zu bekämpfende Chaos im Internet würde gar erst richtig entstehen.

Ich kann nur an die Räson der Politiker appellieren, dass der Zweck nicht alle Mittel heiligt. Insbesondere wenn sich der Zweck nach dem September diesen Jahres erledigt hat, wir aber mit den Trümmern der Veranstaltung die nächsten Jahre leben müssen.

Aufklärung tut Not

Anstatt wahlkampfwirksame Symbolpolitik zu betreiben, wäre es sinnvoller und wirkungsvoller auf die längst überfällige Aufklärung zu setzen. Viele internetspezifische Regeln sind unnötig kompliziert, undurchschaubar und eigentlich nur für die Abmahnindustrie sinnvoll. Bei aller Lobbyarbeit und Propaganda wird es für normale Bürger zunehmend schwieriger zu entscheiden, was denn nun im Internet gelte und was nicht. Falls es noch irgendjemandem nicht klar sein sollte, dass im Internet das gleiche Recht gilt wie andernorts, dann ist es jetzt an der Zeit diesen Irrtum zu berichtigen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Nominums Websperren seit 2007 ein (umstrittenes) Produkt

Nominum ist der weltweit führende Anbieter von DNS-Lösungen im Unternehmensumfeld. Wie unlängst in den Medien zu lesen war, ist die US-amerikanische Firma auch der Hauptanbieter für die Technologien hinter den umstrittenen Websperren; denn diese sind eigentlich keine Sperren, sondern Umleitungen.

Websperren sind eigentlich Webumleitungen

Entgegen der vehementen Kritik von Organisationen wie ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, die "Internet Verwaltung"), hält Nominum das Umleiten von Web-Anfragen per DNS für eine gute Idee. Der ursprüngliche Anwendungszweck solcher Umleitungen galt dem sich vertippenden Surfer, der dann anstatt einer Fehlermeldung mit den Ergebnissen einer Suchseite empfangen wird - natürlich mit Sponsorenwerbung. Das ICANN Security and Stability Advisory Committee verabschiedete am 10. Juni 2009 eine Empfehlung, nach der das DNS-basierte Umleiten von Domainnamen bei neuen Toplevel-Domains verboten werden solle. Laut einer in der Empfehlung zitierten Studie besteht ein Risiko für bedeutende Beeinträchtigungen der Sicherheit und Stabilität von Internetsystemen.

Schon VeriSign scheiterte an einem derartigen Produkt

VeriSign (Betreiber der Toplevel-Domains .com und .net) bot einen solchen Umleitungsdienst bereits 2003 an. Nach Protesten und der strikten Verweigerung der ICANN musste VeriSign diesen jedoch wenige Wochen später wieder schließen. Auch mit einer Klage gegen ICANN scheiterte das Unternehmen. Nominum sieht in seinem Produkt Vantio NXR jedoch eine neue Chance, weil die zugrundeliegende Implementation SureSurf nicht auf der Ebene der Toplevel-Domains, sondern direkt bei den Internetprovidern eingesetzt werde. Nominum trete desweiteren nicht als Anbieter für Umleitungsdienste auf, sondern biete als Softwareunternehmen lediglich die dazu nötige technologische Basis. Damit umgeht das Unternehmen auch geschickt die Einflussmöglichkeiten der ICANN.

Wenns niemand will kaufts der Staat

Trotzdem scheint das Interesse nach einer derartigen Lösung seit der Markteinführung 2007 nicht bedeutend zugenommen zu haben. Mit Kabel Deutschland und T-Online gibt es zwar immerhin zwei große Unternehmen die derartige Umleitungen einsetzen; doch die meisten Internetprovider haben sich bislang noch gegen derartige Manipulationen am DNS-System gesträubt. Durch das Zugangserschwerungsgesetz hat sich diese Situation jedoch drastisch geändert: Vantio NXR könnte nun - per Gesetz - wohl doch noch zum durchschlagenden Erfolg werden.

[1] Is the internet ready for web redirection?

[2] Big Brother Award: Österreichischer Provider UPC testet Sitefinder Dienst (Vantio NXR)

Sonntag, 21. Juni 2009

Warum ich nicht gegen Websperren kämpfe

Berlin, 18. Juni 2009: Der Deutsche Bundestag beschließt das Zugangserschwerungsgesetz. Für manche ist es der wohlgemeinte Versuch, die Verbreitung von Kinderpornografie im Internet durch Websperren zu bekämpfen, für andere ist es bloße wahlkampftaktische Symbolpolitik, wenn umgehbare Sperren mehr schaden als nützen.

Mit gutem Gewissen zustimmbar.

Das verabschiedete Gesetz wurde auf politischer Ebene als massiv überarbeitet bezeichnet. Der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreis Nürnberg-Nord, Günter Gloser stellt nun selbst in einem Kommentar auf Abgeordnetenwatch fest:

»Ich halte die von der SPD erreichten Veränderungen an dem Gesetz aber für so substanziell, dass man trotz der anfänglichen Bedenken, die auch ich geteilt habe, jetzt guten Gewissens zustimmen kann.«

Schade nur, dass Herr Gloser von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen konnte, da er zum Europäischen Rat nach Brüssel musste. Noch schlimmer: Von den Sperrgegnern der SPD waren noch viel mehr Abgeordnete abwesend. Scheinbar gibt es wichtigere Probleme in der SPD.

Welche Änderungen meint Herr Gloser?

1) Löschen vor Sperren

Die Sperrbefürworter haben nun offiziell eingestanden, dass es doch besser wäre, wenn man illegale Internetseiten besser löscht, also vollständig vom Netz nimmt, anstatt nur den Zugang ein wenig zu erschweren. Trotzdem sollen Internetseiten gesperrt werden, wenn eine Löschung nicht als erfolgversprechend gilt. Diese Entscheidung soll nach wie vor (ohne weitere Überprüfung) innerhalb des Bundeskriminalamts erfolgen. Insofern wurde durch diese Änderung des Entwurfs die reale Umsetzung nicht beeinflusst: Es lag auch im ursprünglichen Entwurf in der Verantwortlichkeit des BKA, zu entscheiden, ob eine Seite gesperrt oder gelöscht werden soll.

2) Kontrolle der BKA-Liste durch unabhängiges Gremium

Die Liste bleibt nach wie vor geheim, stattdessen soll ein unabhängiges Gremium in Form des Datenschutzbeauftragten des Bundes die gesperrten Seiten "regelmäßig" überprüfen. Gleichzeitig können Seitenbetreiber, deren Internetpräsenz irrtümlicherweise als Vertriebsplattform für Kinderpornografie gebrandmarkt wurde über den Verwaltungsrechtsweg gegen die Sperrung vorgehen. Nicht geregelt ist, inwiefern ein finanzieller oder persönlicher Schaden durch die öffentliche Denunziation als Kinderschänder ausgeglichen werden soll. Man stelle sich das Bild vor, das BKA würde in Zukunft an Mehrfamilienhäuser große Banner mit dem Aufdruck »STOPP! Tatort! Hier vergewaltigen gerade Kinderschänder ihre Opfer!« aufhängen. Zumindest wird durch diese Änderung des Leyen-Entwurfs die Hoffnung erzeugt, dass gesperrte Seiten nur mittelfristig gesperrt bleiben. Danach sind sie dann wieder ungesperrt, aber wertlos.

3) Datenschutz

Nach den ursprünglichen Plänen hätte das BKA die Sperrinfrastruktur gerne als eine automatische Beweissicherungsmaschinerie eingesetzt. Die Zugriffe sollten unmittelbar an das BKA weitergeleitet und für etwaige Strafverfolgung nutzbar gemacht werden. Dabei wurde nicht bedacht, dass durch die etablierten Internettechnologien sehr leicht Zugriffe auf Webseiten entstehen können, ohne dass der Benutzer davon weiß oder auch nur aktiv etwas unternommen hat. Selbst eine Spam-Mail kann so konstruiert werden, dass alleine der Empfang dieser E-Mail bei den gängigen Programmen zu ungewollten Zugriffen führt. Mal davon abgesehen, dass ja lediglich augezeichnet wird, dass ein Zugriff auf irgendeine Webseite unter dieser Domain erfolgte. Es lässt sich nicht sagen welche, oder ob überhaupt Bild- bzw. Videodaten abgerufen wurden.

Der geänderte Entwurf sieht nun vor, dass die anfallenden Daten nicht zur Strafverfolgung verwendet werden dürfen. Trotzdem bleibt dem BKA - wie bis dato auch schon - die Möglichkeit die entsprechenden Daten im Rahmen von Strafermittlungen abzurufen. Hier wurde schon durch die Vorratsdatenspeicherung entsprechende Vorarbeit geleistet.

4) Spezialgesetzliche Regelung mit Befristung

Gerade nach dem jüngsten Versuch in Frankreich Websperren zur Bekämpfung von Urheberrechtsdelikten zu etablieren liegt es doch auf der Hand, dass man eine solche Sperrinfrastruktur auch für andere Zwecke nutzen könnte. Das Gesetz soll jedoch derart abgeändert worden sein, dass eine anderweitige Nutzung nicht möglich ist. Trotzdem bemühen sich Abgeordnete wie Thomas Strobl (CDU) schon »ernsthaft« daran - die Sperren auch auf andere Inhalte wie »Killerspiele« auszuweiten. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob der Status als »Spezialgesetz« den bevorstehenden Klagen der Interessenvertreter standhalten wird.

Nicht gegen die Sperre kämpfen!

Ich kämpfe nicht gegen die Sperrung illegaler Inhalte, sondern für die Einhaltung von Persönlichkeitsrechten im Internet und außerhalb. Das Internet war und ist kein »rechtsfreier Raum« - dies gilt sowohl für Straftaten als auch für Grundrechte. Websperren gefährden die Persönlichkeitsrechte ihrer Nutzer. Es ist richtig, dass durch die Darstellung einer Vergewaltigung im Internet das Opfer weiter gedemütigt wird; insofern ist es sinnvoll, diese Darstellung zu unterbinden. Die Sperre sperrt jedoch nicht nur, sie prangert an! Eine irrtümliche Sperrung zerstört die Existenzen der fälschlich Beschuldigten. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern wird noch dadurch verstärkt, dass nicht nur einzelne Webseiten, sondern stets alle Seiten die unter einem bestimmten Domainnamen erreichbar sind, angeprangert werden. Außerhalb des Internets würde es niemand zulassen, dass ganze Wohnblöcke mit roten STOPP-Bannern auf dort vermeintlich wohnende Kinderschänder hinweisen. (Mal davon abgesehen, das ich das Konzept "Pranger" generell nicht mehr für Zeitgemäß halte) Hinzu kommt, dass jedes öffentlich zugängliche Forum und jede Internetpräsenz mit Kommentarfunktion in Zukunft das Risiko enthält, sich plötzlich auf der Sperrliste wiederzufinden.

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