Dienstag, 15. Dezember 2009

Staatlich verordnete Pflichtbackups

Ein neuer Wind weht in unserem Innenministerium. Die Zeit, in der Ideen wie Zensur und Totalüberwachung "en vogue" waren sind vorbei. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will sich endlich für ein neues Vertrauen zwischen Staat und (netz-affinen) Bürgern einsetzen. Damit ist er nicht alleine. Auch Eco, der Verband der deutschen Internetwirtschaft sorgt sich um die Netzbürger, also seine Kunden. Denn diese sind der unwirtlichen und gefährlichen (gar von manchen als "rechtsfrei" bezeichneten) Welt des Internets oft schutzlos ausgeliefert. Hacker, Viren und alte Software gefährden die Sicherheit unserer Mitsurfer. Sven Karge, Fachbereichsleiter des Eco-Verbands antwortete WELT ONLINE mit:
Zentrale Frage für uns ist, ab wann dürfen wir Internetnutzer sperren? ... wir müssen darüber nachdenken, was wir mit Nutzern machen, denen es egal ist, ob ihr Computer von Kriminellen missbraucht wird.
Die Provider möchten einfach gerne die Möglichkeit haben, ihre virenbefallenen und von Hackern ferngesteuerten Kunden jederzeit über Lösungsmöglichkeiten zu informieren und sie im Extremfall wohl auch auf Quarantäne zu setzen indem man sie zu ihrer und der Sicherheit anderer vom weltweiten Datennetz ausschließt. 1&1, Netcologne, Kabel BW sind dazu bereits fest entschlossen. Die Deutsche Telekom, Vodafone und Versatel sind ebenfalls schon am überlegen. Da eine solche selbstlose Dienstleistung für fast 40 Millionen deutsche Internetnutzer eine teure Angelegenheit ist, benötigt dieses Vorhaben natürlich eine solide Finanzierung. Bloß an wen soll man sich da in Zeiten einer weltweiten Wirtschaftskrise wenden?

Rettung naht!

Andere blöde Einfälle überleben oft nichtmal die Mittagspause, doch glücklicherweise konnten die Beteiligten das Bundesinnenministerium bereits von ihrer Serviceidee überzeugen: Scheinbar passt das Konzept so gut in de Maizières neue Vertrauensinitiative, dass das Bundesinnenministerium nicht nur die Anschubfinanzierung übernimmt, sondern das Projekt auch durch das BSI begleitet sehen möchte. Die Netzbürger dürfen sich also allem Anschein nach bald auf eine BSI-geprüfte und vom Bundesinnenministerium verpflichtend vorgeschriebene Antiviren-Software freuen die unsere Rechner ständig im Hintergrund nach Schadprogrammen absucht. Was für ein Wandel: Vom Schadprogrammproduzenten (Schäubles "Bundestrojaner") zum Virenkiller (de Maizières Bundesvirenkiller?). Na dann hoffen wir mal, dass sich der Bundestrojaner nicht vielleicht unbemerkt mit dem Bundesvirenkiller verbreitet oder dass die Provider vertrauensvoll mit unseren zu durchsuchenden Daten umgehen.

Vorratsdatenspeicherung ist out - es lebe das Pflichtbackup!

Auch die Vorratsdatenspeicherung steht auf dem Prüfstein der Verfassungsmäßigkeit. Tatsächlich stehen die Chancen nicht völlig schlecht, dass dieses Werkzeug den Strafverfolgungsbehörden in Kürze wieder entzogen wird. Da stellt sich die Frage: Wie soll unser Rechtssystem ohne dieses wichtige (wenn auch bislang kaum genutzte) Mittel weiter bestehen? Die Lösung aller Probleme wäre vielleicht im Rahmen der Vertrauensinitiative des Bundesinnenministeriums möglich. Wieso nicht einfach ein staatlich angeordnetes und organisiertes Pflichtbackup für all unsere Daten? Denn durch Datenverluste haben deutsche Bürger jedes Jahr sicherlich Millionenverluste. Natürlich dürfte ein solcher Dienst nicht von der Privatwirtschaft angeboten werden - wie jeder weiß, halten die es mit Datenschutz nicht so genau! Der Staat ist doch viel vertrauenswürdiger. Das wäre ganz sicher doppelplusgut.

Montag, 30. November 2009

Ein Lisp für die JVM

In der aktuellen Ausgabe der Toolbox ist mein Beitrag »Lisp für die JVM« erschienen. Es geht um ABCL, das noch nicht allzu alte auf der JVM basierte Common Lisp. Seit ich diesen Artikel geschrieben habe, hat sich bei ABCL einiges getan. Mittlerweile liest man von ersten erfolgreichen Versuchen das Lisp auf Googles AppEngine zu betreiben. Auch der Kern des Systems - der Compiler - wird kontinuierlich weiterentwickelt und optimiert. ABCL mausert sich von einem ursprünglich als experimentell einzustufenden Prototypen zu einer vollwertigen CL-Alternative für den Einsatz im Java-Umfeld. Eine tolle Neuigkeit für mich; nicht nur als Autor, sondern auch als Softwareentwickler.

Und Clojure?

Spricht man momentan von einem Lisp für die JVM, erwarten viele Leser einen Artikel über Clojure. Ich habe Clojure durchaus auf meinem Schirm und werde wohl auch demnächst einen Artikel dazu veröffentlichen - für mich war ABCL allerdings die größere, beeindruckendere Nachricht. Ein praktikables und vollständiges Common Lisp für die JVM ist eine große Leistung.

Ich teile nicht die Ansicht, dass ein moderner neuer Lisp-Dialekt sich unbedingt an eine bestehende Laufzeitumgebung wie die JVM binden muss. Ich bin nicht einmal sicher, ob Rich Hickey diesen Punkt wirklich als Vorteil gegenüber Common Lisp gemeint hat. Für mich ergibt seine Aussage lediglich im Vergleich zu Sprachen wie Python oder Ruby einen Sinn: Viele derartige Skriptsprachen sind in den letzen Jahren erschienen; fast alle bringen ihre eigene Laufzeitumgebung mit sich. Bei einer solchermaßen ad hoc durch lediglich eine Referenzimplementierung spezifizierte Programmiersprache empfiehlt sich diese Vorgehensweise womöglich nicht mehr.

JVM kein Alleinstellungsmerkmal

Common Lisp ist unabhängig von einer konkreten Plattformen spezifiziert worden. Der ANSI-Standard legt die Plattform möglichst wenig fest; wieso nicht auch ein Common Lisp für die JVM oder die CLR entwickeln? ABCL beweist das es möglich ist und das der Standard dazu taugt. Wenn ich einen Artikel über Clojure schreibe, wird eine Fixierung auf die JVM oder CLR eher eine Nebenrolle spielen. Sie wird - wenn überhaupt - eher als Nachteil statt als Vorteil bewertet werden müssen. Clojure macht in seiner Designphase momentan genau diesen Emanzipationsschritt durch, der die VM-Bindung letztlich obsolet werden lässt. Ja - es ist pragmatisch und nützlich, aber die JVM ist kein Alleinstellungsmerkmal für Clojure. In einem Artikel über Clojure fände ich insbesondere interessant, wie viel daran dem üblichen Hype entspricht und was tatsächlich innovativ ist.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Bildung 2.0

Vorab muss ich sagen, dass meine Meinung zu unserem Schulsystem generell eher radikal ist - es gibt nicht sehr viel von dem ich daran noch überzeugt bin. Ich kann sehr wohl verstehen wenn viele das vielleicht anders sehen - ich nehme für mich nicht in Anspruch alles am besten zu wissen und lerne gerne dazu.

Ein paar Beispiele für Probleme unseres Bildungssystems:
  1. Sitzenbleiben
    Gilt mittlerweile als nicht sonderlich wirkungsvoll zur Förderung der Schüler; im Gegenteil es reißt sie aus ihrer gewohnten Umgebung und brandmarkt sie als Versager. Im Folgejahr haben sie meistens wieder die gleichen Probleme aber dafür ein Jahr verschwendet.
  2. Zensuren
    Sicherlich eine der radikaleren Ideen, aber ich halte Zensuren - in ihrer üblichen Form für kontraproduktiv, diskriminierend und schädlich. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, kann man zu dem Schluss kommen:
    1. Noten zwischen Schülern sind nicht objektiv vergleichbar
    2. Noten zu unterschiedlichen Arbeiten/Aufgaben sind nicht objektiv vergleichbar
    3. Noten zwischen Klassen sind nicht objektiv vergleichbar
    4. Noten zwischen Jahrgängen sind nicht objektiv vergleichbar
    5. Selektion basierend auf diesen subjektiven Vergleichen ist grausam.
    Jeder Pädagoge der etwas anderes glaubt hat meiner Meinung nach von Statistik keine Ahnung und vergleicht wahrscheinlich auch den eigenen IQ mit dem anderer.
    Der einzige denkbare Sinn von Zensuren kann deshalb darin liegen, den persönlichen individuellen Fortschritt eines Schülers zu dokumentieren (Nein, das ist nicht schon der heutige Zweck!). Dazu sollte auch jeder Schüler individuelle Aufgaben bekommen - je nachdem in welchen Bereichen noch Bedarf besteht. Derartiges wäre mit heutiger Technik problemlos und wirtschaftlich machbar. Es ist einer der größten Irrglauben unserer Zeit, dass "Chancengleichheit" ein humanistisch vertretbarer Grundsatz für ein Bildungssystem ist. Chancengleichheit klingt gut, heißt jedoch lediglich, dass Schwache schwächer und Starke stärker werden. Die wirtschaftliche Schere unserer Gesellschaft hat leider eine Parallele in der Bildung.
  3. Hirnrissige Vorbedingungen
    Warum brauche ich z. B. Französisch oder Latein um statt an einer FH an einer Uni Informatik studieren zu dürfen? Was bringt mir dazu eine Lehre als Gärtner? Was kann ein lateinisch sprechender Abiturient mehr? Es ist ja sogar möglich, dass ein FOS-Absolvent des sozialen Zweigs der noch zusätzlich Latein gelernt hat an der Uni Informatik studieren kann - einer aus dem technischen Zweig ohne Latein jedoch nicht. Da hilft auch kein Argument, dass es doch machbar ist eine zusätzliche Fremdsprache zu belegen - es bleibt dabei dass es inhaltlich absolut idiotisch ist.
  4. Sackgassen
    Es sollte im Bildungssystem keinerlei Regelung geben, die es einer Person verbietet einen bestimmten Abschluss jemals noch abschließen zu dürfen. Überhaupt ist es der größte Fehler unseres Bildungssystems Zertifikation und Lehre zu verbinden. Unser Bildungssystem ist gesellschaftlich nicht auf lebenslanges Lernen ausgelegt - das ist leider noch ein Wunschtraum.
Im Zeitalter der Globalisierung kann es doch für ein Land wie Deutschland nichts wichtigeres geben als massiv in Forschung und Bildung zu investieren - ich sehe da aber keine Anzeichen dafür.

Sonntag, 2. August 2009

Das "rechtsfreie Internet" - Schädliche Propaganda

Laut einer ebenso beliebten wie umstrittenen Quelle (Wikipedia), bezeichnet Propaganda:

...einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion.

In der unsäglichen Diskussion, Rechtsbrüche im Internet auch mit Zensurtechniken verfolgen zu dürfen, beschwören viele Zensur-Befürworter die angebliche Rechtsfreiheit des globalen Netzes herauf. Das ist natürlich Propaganda - denn rechtsfrei ist das Internet freilich nicht; allerdings ist es für jeden einsichtig, dass es rechtsfreie Zonen in einem Rechtsstaat nicht geben darf. Die Propagandisten erhoffen sich durch diese Brandmarkung des Internets wirkungsvollere Kontrollinstrumente für den freien Austausch von Informationen im Internet zu erlangen.

Leyenhaft

Ursula von der Leyen (CDU) - zumindest nach außen Hauptinitiatorin der Sperrpläne - gibt mittlerweile offen zu, dass man sich bemühe nunmehr neben Pornografie mit Kindern auch rechtsradikale Inhalte zu Sperren; ursprünglich wurde eine Erweiterung der Inititiative von ihr stets strikt abgelehnt. Die Familienministerin, die ihren Spitzname "Zensursula" als "patent" (also "praktisch" oder "brauchbar") empfindet, wird vom Hamburger Abendblatt zitiert:

...wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann. Wo die Würde eines anderen verletzt wird, endet die eigene Freiheit.

Diese "Anleye" klingt sehr schön "grundgesetzhaft"; die Begriffe Würde und Freiheit tauchen ja immerhin schon im Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes auf. In der Form, dass die Freiheit eines Menschen durch die Würde eines anderen begrenzt sei ist das allerdings neu. Was kann die Ministerin damit wohl meinen? Nach Begriffen des Grundgesetzes ist es Humbug.

Das Leyendreieck

Sie setzt Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde in ein sich scheinbar widersprechendes Kräftedreieck, in welchem man ein gerechtes Maß finden müsse. Ich ging bislang davon aus, dass diese Begriffe sich wechselseitig bedingen; da die Menschenwürde allerdings unantastbar ist, will Ursula von der Leyen wohl Demokratie und Meinungsfreiheit abschaffen, damit das Leyendreieck im unantastbaren Menschenwürde-Eck zusammenklappt.

Ein wenig Licht ins Dunkel bringt der Hinweis auf die Horrorvorstellung eines rechtsfreien Chaosraum "Internet" in welchem Mobbing, Beleidigung und Betrug hemmungslos möglich sind. Wenn die Ministerin von "Würde" spricht, dann meint sie scheinbar gar nicht Menschenwürde sondern ein vages Konstrukt aus Ehre und Anstand, welches ihren konservativ-religiösen Wertebild entspricht.

Bei den genannten Übergriffen handelt es sich um Probleme, die auch außerhalb des Internet zum Alltag gehören; die sowohl dort wie auch im Netz durch Gesetze abgedeckt sind. Wer glaubt, dass Beleidigung oder Betrug im Internet weniger verfolgt werden als außerhalb, der sollte sich vielleicht einmal Einblick in die einschlägige Rechtssprechung verschaffen; oder einfach mal wirklich mit einem Thema befassen bevor man Gesetze dazu veranlasst. Egal ob man jemanden auf der Straße, per Telefon, Brief oder Internet beleidigt - es ist zwar stets möglich so zu handeln aber gleichwohl strafbar.

Zensurbefürworter fördern Rechtsbrüche

Doch was, wenn die Menschen beginnen die Propaganda zu glauben? Was wäre, wenn plötzlich jeder wirklich glaubt im Internet gelte kein Recht? Oder zumindest sei nur verboten wo die rote Ursula-Plakette angebracht ist? Die Folgen wäre ein sprunghafter Anstieg von Rechtsbrüchen im Internet. Das angeblich zu bekämpfende Chaos im Internet würde gar erst richtig entstehen.

Ich kann nur an die Räson der Politiker appellieren, dass der Zweck nicht alle Mittel heiligt. Insbesondere wenn sich der Zweck nach dem September diesen Jahres erledigt hat, wir aber mit den Trümmern der Veranstaltung die nächsten Jahre leben müssen.

Aufklärung tut Not

Anstatt wahlkampfwirksame Symbolpolitik zu betreiben, wäre es sinnvoller und wirkungsvoller auf die längst überfällige Aufklärung zu setzen. Viele internetspezifische Regeln sind unnötig kompliziert, undurchschaubar und eigentlich nur für die Abmahnindustrie sinnvoll. Bei aller Lobbyarbeit und Propaganda wird es für normale Bürger zunehmend schwieriger zu entscheiden, was denn nun im Internet gelte und was nicht. Falls es noch irgendjemandem nicht klar sein sollte, dass im Internet das gleiche Recht gilt wie andernorts, dann ist es jetzt an der Zeit diesen Irrtum zu berichtigen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Nominums Websperren seit 2007 ein (umstrittenes) Produkt

Nominum ist der weltweit führende Anbieter von DNS-Lösungen im Unternehmensumfeld. Wie unlängst in den Medien zu lesen war, ist die US-amerikanische Firma auch der Hauptanbieter für die Technologien hinter den umstrittenen Websperren; denn diese sind eigentlich keine Sperren, sondern Umleitungen.

Websperren sind eigentlich Webumleitungen

Entgegen der vehementen Kritik von Organisationen wie ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, die "Internet Verwaltung"), hält Nominum das Umleiten von Web-Anfragen per DNS für eine gute Idee. Der ursprüngliche Anwendungszweck solcher Umleitungen galt dem sich vertippenden Surfer, der dann anstatt einer Fehlermeldung mit den Ergebnissen einer Suchseite empfangen wird - natürlich mit Sponsorenwerbung. Das ICANN Security and Stability Advisory Committee verabschiedete am 10. Juni 2009 eine Empfehlung, nach der das DNS-basierte Umleiten von Domainnamen bei neuen Toplevel-Domains verboten werden solle. Laut einer in der Empfehlung zitierten Studie besteht ein Risiko für bedeutende Beeinträchtigungen der Sicherheit und Stabilität von Internetsystemen.

Schon VeriSign scheiterte an einem derartigen Produkt

VeriSign (Betreiber der Toplevel-Domains .com und .net) bot einen solchen Umleitungsdienst bereits 2003 an. Nach Protesten und der strikten Verweigerung der ICANN musste VeriSign diesen jedoch wenige Wochen später wieder schließen. Auch mit einer Klage gegen ICANN scheiterte das Unternehmen. Nominum sieht in seinem Produkt Vantio NXR jedoch eine neue Chance, weil die zugrundeliegende Implementation SureSurf nicht auf der Ebene der Toplevel-Domains, sondern direkt bei den Internetprovidern eingesetzt werde. Nominum trete desweiteren nicht als Anbieter für Umleitungsdienste auf, sondern biete als Softwareunternehmen lediglich die dazu nötige technologische Basis. Damit umgeht das Unternehmen auch geschickt die Einflussmöglichkeiten der ICANN.

Wenns niemand will kaufts der Staat

Trotzdem scheint das Interesse nach einer derartigen Lösung seit der Markteinführung 2007 nicht bedeutend zugenommen zu haben. Mit Kabel Deutschland und T-Online gibt es zwar immerhin zwei große Unternehmen die derartige Umleitungen einsetzen; doch die meisten Internetprovider haben sich bislang noch gegen derartige Manipulationen am DNS-System gesträubt. Durch das Zugangserschwerungsgesetz hat sich diese Situation jedoch drastisch geändert: Vantio NXR könnte nun - per Gesetz - wohl doch noch zum durchschlagenden Erfolg werden.

[1] Is the internet ready for web redirection?

[2] Big Brother Award: Österreichischer Provider UPC testet Sitefinder Dienst (Vantio NXR)

Sonntag, 21. Juni 2009

Warum ich nicht gegen Websperren kämpfe

Berlin, 18. Juni 2009: Der Deutsche Bundestag beschließt das Zugangserschwerungsgesetz. Für manche ist es der wohlgemeinte Versuch, die Verbreitung von Kinderpornografie im Internet durch Websperren zu bekämpfen, für andere ist es bloße wahlkampftaktische Symbolpolitik, wenn umgehbare Sperren mehr schaden als nützen.

Mit gutem Gewissen zustimmbar.

Das verabschiedete Gesetz wurde auf politischer Ebene als massiv überarbeitet bezeichnet. Der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreis Nürnberg-Nord, Günter Gloser stellt nun selbst in einem Kommentar auf Abgeordnetenwatch fest:

»Ich halte die von der SPD erreichten Veränderungen an dem Gesetz aber für so substanziell, dass man trotz der anfänglichen Bedenken, die auch ich geteilt habe, jetzt guten Gewissens zustimmen kann.«

Schade nur, dass Herr Gloser von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen konnte, da er zum Europäischen Rat nach Brüssel musste. Noch schlimmer: Von den Sperrgegnern der SPD waren noch viel mehr Abgeordnete abwesend. Scheinbar gibt es wichtigere Probleme in der SPD.

Welche Änderungen meint Herr Gloser?

1) Löschen vor Sperren

Die Sperrbefürworter haben nun offiziell eingestanden, dass es doch besser wäre, wenn man illegale Internetseiten besser löscht, also vollständig vom Netz nimmt, anstatt nur den Zugang ein wenig zu erschweren. Trotzdem sollen Internetseiten gesperrt werden, wenn eine Löschung nicht als erfolgversprechend gilt. Diese Entscheidung soll nach wie vor (ohne weitere Überprüfung) innerhalb des Bundeskriminalamts erfolgen. Insofern wurde durch diese Änderung des Entwurfs die reale Umsetzung nicht beeinflusst: Es lag auch im ursprünglichen Entwurf in der Verantwortlichkeit des BKA, zu entscheiden, ob eine Seite gesperrt oder gelöscht werden soll.

2) Kontrolle der BKA-Liste durch unabhängiges Gremium

Die Liste bleibt nach wie vor geheim, stattdessen soll ein unabhängiges Gremium in Form des Datenschutzbeauftragten des Bundes die gesperrten Seiten "regelmäßig" überprüfen. Gleichzeitig können Seitenbetreiber, deren Internetpräsenz irrtümlicherweise als Vertriebsplattform für Kinderpornografie gebrandmarkt wurde über den Verwaltungsrechtsweg gegen die Sperrung vorgehen. Nicht geregelt ist, inwiefern ein finanzieller oder persönlicher Schaden durch die öffentliche Denunziation als Kinderschänder ausgeglichen werden soll. Man stelle sich das Bild vor, das BKA würde in Zukunft an Mehrfamilienhäuser große Banner mit dem Aufdruck »STOPP! Tatort! Hier vergewaltigen gerade Kinderschänder ihre Opfer!« aufhängen. Zumindest wird durch diese Änderung des Leyen-Entwurfs die Hoffnung erzeugt, dass gesperrte Seiten nur mittelfristig gesperrt bleiben. Danach sind sie dann wieder ungesperrt, aber wertlos.

3) Datenschutz

Nach den ursprünglichen Plänen hätte das BKA die Sperrinfrastruktur gerne als eine automatische Beweissicherungsmaschinerie eingesetzt. Die Zugriffe sollten unmittelbar an das BKA weitergeleitet und für etwaige Strafverfolgung nutzbar gemacht werden. Dabei wurde nicht bedacht, dass durch die etablierten Internettechnologien sehr leicht Zugriffe auf Webseiten entstehen können, ohne dass der Benutzer davon weiß oder auch nur aktiv etwas unternommen hat. Selbst eine Spam-Mail kann so konstruiert werden, dass alleine der Empfang dieser E-Mail bei den gängigen Programmen zu ungewollten Zugriffen führt. Mal davon abgesehen, dass ja lediglich augezeichnet wird, dass ein Zugriff auf irgendeine Webseite unter dieser Domain erfolgte. Es lässt sich nicht sagen welche, oder ob überhaupt Bild- bzw. Videodaten abgerufen wurden.

Der geänderte Entwurf sieht nun vor, dass die anfallenden Daten nicht zur Strafverfolgung verwendet werden dürfen. Trotzdem bleibt dem BKA - wie bis dato auch schon - die Möglichkeit die entsprechenden Daten im Rahmen von Strafermittlungen abzurufen. Hier wurde schon durch die Vorratsdatenspeicherung entsprechende Vorarbeit geleistet.

4) Spezialgesetzliche Regelung mit Befristung

Gerade nach dem jüngsten Versuch in Frankreich Websperren zur Bekämpfung von Urheberrechtsdelikten zu etablieren liegt es doch auf der Hand, dass man eine solche Sperrinfrastruktur auch für andere Zwecke nutzen könnte. Das Gesetz soll jedoch derart abgeändert worden sein, dass eine anderweitige Nutzung nicht möglich ist. Trotzdem bemühen sich Abgeordnete wie Thomas Strobl (CDU) schon »ernsthaft« daran - die Sperren auch auf andere Inhalte wie »Killerspiele« auszuweiten. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob der Status als »Spezialgesetz« den bevorstehenden Klagen der Interessenvertreter standhalten wird.

Nicht gegen die Sperre kämpfen!

Ich kämpfe nicht gegen die Sperrung illegaler Inhalte, sondern für die Einhaltung von Persönlichkeitsrechten im Internet und außerhalb. Das Internet war und ist kein »rechtsfreier Raum« - dies gilt sowohl für Straftaten als auch für Grundrechte. Websperren gefährden die Persönlichkeitsrechte ihrer Nutzer. Es ist richtig, dass durch die Darstellung einer Vergewaltigung im Internet das Opfer weiter gedemütigt wird; insofern ist es sinnvoll, diese Darstellung zu unterbinden. Die Sperre sperrt jedoch nicht nur, sie prangert an! Eine irrtümliche Sperrung zerstört die Existenzen der fälschlich Beschuldigten. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern wird noch dadurch verstärkt, dass nicht nur einzelne Webseiten, sondern stets alle Seiten die unter einem bestimmten Domainnamen erreichbar sind, angeprangert werden. Außerhalb des Internets würde es niemand zulassen, dass ganze Wohnblöcke mit roten STOPP-Bannern auf dort vermeintlich wohnende Kinderschänder hinweisen. (Mal davon abgesehen, das ich das Konzept "Pranger" generell nicht mehr für Zeitgemäß halte) Hinzu kommt, dass jedes öffentlich zugängliche Forum und jede Internetpräsenz mit Kommentarfunktion in Zukunft das Risiko enthält, sich plötzlich auf der Sperrliste wiederzufinden.

Freitag, 8. Mai 2009

50000 Mitzeichner - Ist das Ziel erreicht?

In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai erreichte der Zähler der Online-Petition "Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten" die wichtige Schwelle von 50000 Mitzeichnern. Wichtig ist hier tatsächlich der Begriff Schwelle, denn es handelt sich natürlich nicht um eine Grenze; weitere Mitzeichner sind durchaus erwünscht und nötig. Da die bisherigen Mitzeichner vermutlich alle erst auf ihre Gültigkeit geprüft werden müssen, ist die Zahl der gültigen Mitzeichner möglicherweise deutlich kleiner. Es ist also nach wie vor wichtig dieses Thema aktiv zu halten und mehr Menschen über die Zusammenhänge aufzuklären.

Übler Leumund

Nachdem schon Zensursula von der Leyen alle Internetnutzer, die imstande sind die Internetsperren zu umgehen (also in ihrem Systemeinstellungen alternative DNS-Server einzutragen) pauschal als "potentiell schwer Pädokriminelle" abgeurteilt hat [1], zitiert die DPA ihre Reaktion auf die Online-Petition mit den Worten:

Eine zivilisierte Gesellschaft, einschließlich der Internetgemeinschaft, die Kinderpornografie ernsthaft ächtet, darf auch im Internet nicht tolerieren, dass jeder diese Bilder und Videos vergewaltigter Kinder ungehindert anklicken kann.

Diese Frau läuft sprichwörtlich Amok und schießt mit ihren Aussagen offenbar wahllos jeden nieder, der ihren politischen Zielen im Wege steht. Eine Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel, die schon ihr Vater Ernst Albrecht, der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen und Vertreter der Legitimation staatlicher Folter [2], Ende der 80er Jahre in seinem Feldzug gegen Linksextremisten an den Tag legte [3] (Skandal um "Celler Loch").

Auch ihr Bruder Hans-Holger Albrecht, Präsident des größten Skandinavischen Medienkonzerns "Modern Times Group", eine Größe im Online-Glücksspielgeschäft fiel schon durch unbedachte Äußerungen auf, als er die versammelten hochrangigen Mitglieder eines Geschäftsessens in Stockholm mit rassistischen Äußerungen beglückte. [4] Interessant nur, dass Frau von der Leyen mit ihrer Zensur-Initiative womöglich den Grundstein für den heiligen Gral der Medienunternehmen legen könnte. Da könnte sich der Bruder aber freuen.

Mythen

Die Diskussion ist geprägt von einer Reihe von Mythen, deren einziger Zweck die Verunsicherung der Bürger ist. Karl-Theodor von Guttenberg wird nicht Müde zu betonen, dass es darum gehe den Massenmarkt der Kinderpornografieindustrie auszutrocknen; den Tätern ihren millionenfachen Umsatz zu nehmen. Viele Experten weißen jedoch darauf hin, dass es einen solchen Massenmarkt eigentlich nicht gebe. Nach Schätzungen von Udo Vetter, Anwalt für Strafrecht und Betreiber des "law blog", sind etwa 98% der Inhalte sehr alt und der Großteil der neuen Aufnahmen stamme aus dem Umfeld privaten Kindesmissbrauchs. Er betont zwar, dass es natürlich Zufall sein könne, dass kein einziger seiner Mandanten für Kinderpornographie bezahlt habe; es könne doch aber auch sein, dass Frau von der Leyens Informationen über die Millionenumsätze der Kinderpornographieumsätze eine Falschinformation ist. [5]

Weitere Mythen spinnen sich um die laut Gesetz festzulegende Mindestsperrtechnik "DNS-Sperre". Wie ich schon in [Zensursulas Leyentheater] festgestellt habe, ist die Sperre nicht den Namen wert. Doch sie ist nicht nur trivial zu umgehen, sie ist auch prinzipbedingt ungeeignet um spezifische Seiten zu sperren. Wie beschrieben ist der DNS-Server für die Namensauflösung zuständig. Der Pfad nach dem Domain-Namen bleibt davon unberührt. Anhand der Sperrliste kann also lediglich der Domain-Name gesperrt werden, keine konkrete Webseite. Ein Domain-Name kann jedoch unzählige unabhängige Webseiten enthalten. All diese – womöglich völlig unschuldigen – Webseiten würden also wegen einer vermeintlichen Kinderpornoseite gesperrt werden. Schon eine Kette aus Verlinkungen reicht aus. Eine öffentlich editierbare Webseite wie die Wikipedia könnte auf leichte Art und Weise für unabsehbare Zeit gesperrt werden. Also dann einfach die durch von der Leyen angebotene Möglichkeit wirkungsvollerer Sperren nutzen und Webseiten und nicht Domains sperren? Dazu müssten die Provider jedoch transparente Proxyserver einrichten, die jeglichen Internetverkehr filtern - das wäre technisch nicht praktikabel und extrem teuer.

Gibt es eine Chance?

Wie aktuelle Entwicklungen im Bundestag zeigen, steht das Zensur-Gesetz längst nicht mehr im Konjunktiv. Nicht nur die CDU steht klar zu dem fragwürdigen Leyen-Entwurf, auch Martin Dörmann, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion ist von dessen Wirkungsweise überzeugt und wünscht sich, noch innerhalb dieser Legislaturperiode darüber abstimmen zu dürfen [6][7]. So bleiben nur noch Grüne, Die Linke und FDP als Gegner - was bei dem üblichen Koalitionsfilz nicht für eine einfache Entscheidung bei den kommenden Wahlen sorgen dürfte. Längst wird schon heftig diskutiert was man noch alles sinnvoll sperren könne. Der Gabentisch für die Lobbyvertreter ist eröffnet [8]; ein wohlproportioniertes Angstgemisch aus Amokläufen, Kinderpornografie und Terroranschlägen ergibt so einen wirkungsvollen Todescocktail für Rechtsstaat und Demokratie.

[1] Radioeins Interview: Ursula von der Leyen

[2] Ernst Albrecht: "Der Staat, Idee und Wirklichkeit. Grundzüge einer Staatsphilosophie" ISBN: 3512004423

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[4] http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article720879/Manager-muss-zuruecktreten.html

[5] http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/25/die-legende-von-der-kinderpornoindustrie/

[6] http://www.zeit.de/online/2009/20/netzsperren-spd

[7] http://www.golem.de/0905/66953.html

[8] http://www.golem.de/0904/66711.html

Freitag, 1. Mai 2009

Vor 1 Stunde gefunden

Wahrscheinlich gibt es das schon seit Ewigkeiten. Ich bin jedoch zufällig auf ein interessantes kleines Feature in Google gestoßen. Bei noch recht jungen Webseiten – wie das häufig bei Newsseiten der Fall ist – gibt Google an wie lange es her ist, dass die Seite in den Suchindex aufgenommen wurde. Bei manchen Seiten sogar auf die Minute genau.

Mittwoch, 22. April 2009

Die Hybris der Zypries

Noch vor ein paar Tagen galt als völlig klar, dass die von Zensursula initiierte KiPo-Sperre nur eine Warnfunktion haben soll. Doch aus der freiwilligen Selbstkontrolle der Provider ist mittlerweile ein Gesetzentwurf entstanden der sämtliche demokratischen Ideen von Gewaltenteilung umgeht. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sieht in der Bekämpfung der Kinderpornografie scheinbar einen ausreichend hohen Wert, dass die Grundlage unserer rechtsstaatlichen, demokratischen Gesellschaft ausgehebelt werden dürfen.

Aufzeichungspflicht der Provider

Die Provider werden verpflichtet sämtliche Adressen von Rechnern aufzuzeichnen, die versuchen auf Webseiten aus der geheimen BKA-Liste zuzugreifen. Diese Aufzeichnungen sollen dem BKA jederzeit zur Verfügung stehen. Dazu müsste natürlich die gesetzliche Grundlage geschaffen werden um das Fernmeldegeheimniss zu umgehen. Kombiniert mit der strafrechtlichen Situation in Deutschland macht sich in einem solchen Überwachungsszenario jeder strafbar, der auf eine dieser Adressen zugreift. Laut Brigitte Zypries muss dann der Zugreifende beweisen, dass es sich um ein Versehen oder eine automatische Weiterleitung handelte; ein Beweis der nur selten gelingen dürfte. War die bisherige technische Lösung noch schlichtweg fragwürdig und einfach keine Lösung des Problems; so ist sie jetzt die ultimative Waffe um beliebige Leute strafbar zu machen und gesellschaftlich zu ermorden.

Der wohlwollende Staat

Eine solche politische Entwicklung ließe sich nur ertragen, ginge man grundsätzlich davon aus, dass innerhalb unserer staatlichen Organe keine Korruption oder Amtsmißbrauch möglich wäre. Der Staat sei einfach prinzipiell "Gut", man bräuchte keine Gewaltenteilung oder demokratische Prinzipien; so scheinen unsere Politiker zu denken.

Der Kern des Problems

Die Liste wird natürlich nach wie vor geheim sein . Nur das BKA und "möglichst wenige" Mitarbeiter der Provider sollen Zugang erhalten. Dabei wird damit nicht nur strafbares Material erreichbar; sondern auch ein mächtiges Werkzeug geschaffen um unliebsame Personen gezielt auszuschalten. Schon die wenigen Wochen in welchen diese Liste in den Medien thematisiert wird reichte, um sie in unbefugte Hände gelangen zu lassen (Wikileaks).

Schutzlos ausgeliefert?

Falls die Sperre tatsächlich unumgehbar wird, kann man sich als normaler Bürger in Zukunft unmöglich vor Mißbrauch zu schützen. Nicht einmal eine selbstauferlegte Sperre - um nicht Opfer zu werden - ist möglich; schließlich würde sie Zugriff auf die Adressen aus der Liste erfordern. Ich fühle mich zunehmend gefährdet. Nicht durch Terroristen oder Amokläufer - sondern durch die technische Unbegabtheit gepaart mit dem kurzsichtigen Wahlkampf-Populismus unserer Politiker. Die einzige Möglichkeit sich in Zukunft vor dem Risiko einer ungerechtfertigten Bestrafung zu schützen liegt wohl darin, die staatliche Überwachung zu umgehen - was man wiederrum eigentlich bloß von Straftätern erwarten würde: Ich sehe hier in Zukunft weitere Verbote und eine Vorverurteilung von Bürgern die versuchen sich durch Verschlüsselung und Anonymisierungsdienste zu schützen.

Keine Lösung

Traurig ist, dass diese Pläne nicht weiter weg sein könnten von einer Lösung. Karl-Theodor zu Guttenberg mag vielleicht glauben so "den Markt für Kinderpornografie auszutrocknen"; doch dieser wird völlig ungestört weiterhin seine Wege finden. Das einzige was damit erreicht wird ist eine Kriminalisierung unschuldiger Bürger.

Sonntag, 19. April 2009

Zensursulas Leyentheater

Am Freitag den 17. April 2009 verpflichteten sich Vertreter von fünf Kommunikationsunternehmen (DTAG, Vodafone, Hansenet, Kabel Deutschland, Telefoníca O2 Germany) in einem Vertrag mit dem BKA (Bundeskriminalamt) kinderpornografische Inhalte zu sperren. Die Idee hinter dieser Vorlage wurde von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU; auch bekannt als "Zensursula") bereits in einer entsprechenden Vereinbarung vom 13. Januar 2009 hervorgebracht. Unterstützung bekam Zensursula dabei von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

Was genau besagt die Verpflichtung?

Die beteiligten Internet-Service-Provider (in der Pressemeldung der Internetausdrucker auch "Internetanbieter" genannt) verpflichten sich Webseiten mit kinderpornografischem Inhalt zeitnah zu sperren. Innerhalb von sechs Monaten nach Vertragsschluss muss die Sperre in Betrieb sein. Dabei wird auf die sehr fragwürdige Praxis einer Sperre durch DNS-Einträge gesetzt.

Hintergrund

Jeder Rechner im Internet besitzt eine weltweit eindeutig vergebene Nummer (die IP-Adresse; IP=Internet Protocol), unter der er erreichbar ist. Das ist vergleichbar mit dem Telefonnetz, bei dem jeder Anschluss auch eine weltweit eindeutige Telefonnummer erhält. Im Gegensatz zu Telefonnummern im Telefonnetzes ist es im Internet weit üblicher, dass sich die IP-Adressen der Internetrechner häufig in recht kurzer Zeit ändern. Außerdem lassen sich die Zahlenkolonnen natürlich einfach schwer merken. Deshalb gibt es ein ebenfalls weltweit eindeutiges System zur Vergabe von Namen für Internetrechner (Domain-Namen). Dieses sogenannte Domain Name System des Internets ist eine verteilte Datenbank zur Namensauflösung; wie ein Telefonbuch, nur für Internetadressen. In dieser Datenbank finden sich zu jedem Domainnamen (z. B. www.codeartist.org) unter anderem die zugehörigen IP-Adressen der Internetrechner. Bei der großen Zahl an Internetteilnehmern ist leicht nachvollziehbar, dass die Menge an Anfragen, die jede Sekunde an das Domain Name System erfolgen gewaltig ist.

Die weltweiten Nameserver teilen sich deshalb den Namensraum in hierarchisch gegliederten Zonen auf; So wie es für unterschiedliche Telefonnummernbereiche auch eigenständige Telefonbücher gibt. Zusätzlich gibt es noch eine große Zahl von Nameservern, die nur als Zwischenspeicher fungieren um die Last weiter zu verteilen. Das Telefonbuch ihrer Stadt müssen Sie sich natürlich nicht mit allen anderen Anwohnern teilen - sie bekommen eine eigene Fassung; Genauso betreibt üblicherweise auch jeder Internet-Service-Provider eigene Nameserver für seine Kunden. Ihr Internetzugang ist normalerweise so konfiguriert, dass sie diese automatisch benutzen. Technisch gesehen ist das jedoch nur eine Sache der Konfiguration ihres eigenen Rechners. Wer nicht den Nameserver des Providers benutzen möchte, kann diese Konfiguration einfach ändern und einen anderen eintragen.

Die von Zensursula von der Leyen propagierten DNS-Sperren bei den Providern beziehen sich natürlich nur auf die bei den genannten Providern geführten Nameserver. Dort wird für alle Namen, die laut einer nur dem BKA bekannten geheimen Liste zu kinderpornografischen Inhalten führen, die IP-Adresse des eigentlichen Internetrechners gegen die der Sperrseite ausgetauscht. Möchte jemand dies nicht, dann muss er eben den konfigurierten Nameserver auf einen anderen umstellen. Die Sperre ist also eigentlich nichts was diesen Namen redlich verdient.

Wo liegt das Problem?

An und für sich ist der Kampf gegen Kinderpornografie in jedem Fall ein rechtschaffenes Ziel. Leider eignet sich dieses emotional stark aufgeladene Thema sehr gut zur Durchsetzung fragwürdiger Verfahren, die bei anderen Themen (wie Urheberrecht) nur geringe Chancen hätten. Eine Sperre von Inhalten einer geheimen staatlich geführten Liste würde der unkontrollierten staatlichen Zensur Tür und Tor öffnen. In einem Rechtsstaat wie Deutschland gibt es Prinzipien wie Gewaltenteilung um zu vermeiden, dass einzelne Organe zu viel Macht erlangen. Wie können sich unsere Politiker einerseits kritisch gegenüber den Internetsperren der Volksrepublik China aussprechen, andererseits aber selbiges im eigenen Land zu etablieren versuchen? Natürlich: Beim Thema Kinderpornografie sind Mittel wie Zensur und das Aushebeln rechtsstaatlicher Prinzipien scheinbar nebensächlich. Interessant, dass auch die Volksrepublik ihren Bürgern verfassungsgemäß auch Meinungsfreiheit zuspricht und lediglich vor schädlichen Inhalten wie Gewalt oder Pornographie schützen möchte.

Die Pläne der Familienministerin sind nicht nur technisch naiv und einfältig oder ideologisch und rechtsstaatlich fragwürdig, sie gehen auch vollkommen am eigentlichen Problem vorbei. In der Pressemitteilung vom 17. April 2009 heißt es:

Kinderschutz: Die Sperrung verhindert, dass mit jedem Seitenaufruf die Vergewaltigung eines wehrlosen Kindes fortgesetzt wird.

Ursula von der Leyen möchte also beim Anblick der Vergewaltigung eines wehrlosen Kindes nichts aktiv unternehmen, sondern lediglich die Türe schließen und den Blick abwenden. Nicht anders lässt sich erklären wieso soviel Aufwand (drei Monate "intensiver Vorbereitungen") in eine nutzlose Darstellungssperre gesteckt wird.

Prävention: Kinderpornografische Bilder im Internet werden gezielt eingesetzt, um potentielle neue "Kunden" zu werben, Hemmschwellen abzubauen und die Nachfrage systematisch nach immer brutaleren Bildern anzuheizen. Es gilt mit der Zugangssperre bereits den Einstieg zu verhindern.

Kinderpornografie benötigt keine Werbung. Die Ergebnisse der Strafverfolgungsbehörden zeigen deutlich, dass Kinderpornografie nicht öffentlich im Internet sondern über verdeckte Kanäle im eingeschworenen Kreise erfolgt. Eine trivial dauerhaft öffentlich zugängliche Werbe-Webseite erscheint mir da als nicht zweckmäßig. Falls es so etwas tatsächlich gibt, dann frage ich mich wieso man nicht die Betreiber verfolgt, sondern lieber den Blick abwendet.

Störung des Massengeschäftes: Kinderpornografie ist ein Millionengeschäft. Mit den Sperrungen wird der kommerzielle Massenmarkt im Internet empfindlich gestört. Wo kein Geld mehr zu verdienen ist, wird organisierte Kriminalität immer weniger lukrativ.

Nutzlose Sperren halten niemanden auf. Eine Sperre die das Angebot weiter stehen lässt, wird den Handel wohl kaum unterbinden. Im übrigen zeigen die Ergebnisse der Ermittler auch, dass man es definitiv nicht mit einem Massenmarkt zu tun hat - das ist nur Propaganda.

Gesellschaftliche Ächtung: Das Sperren dieser Seiten ist ein wichtiges und deutliches Signal aller gesellschaftlichen Kräfte zur konsequenten Ächtung von Kinderpornografie - nicht nur im Internet.

Es gibt wohl kaum ein Thema das gesellschaftlich stärker geächtet ist. Gerade deshalb ist es doch so perfide, wenn Politiker wie U. von der Leyen dies für ihre populistischen Wahlkampfaktionen instrumentalisiert und dabei nebenbei die technische Vorbereitung einer Zensur von weniger geächteten Themen (wie Urheberrechtsverletzungen) schafft.

Dienstag, 17. März 2009

Serverarbeiten und Umzug zu Blogger

Bis heute bloggte ich stets mit selbst programmierten Blog-Engines. Meistens waren sie in Common Lisp geschrieben. Mal sehen, ob Blogger für mich auf Dauer die richtige Lösung ist.

Für Webentwicklung finde ich Common Lisp nach wie vor besonders gut geeignet. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Bibliotheken, Frameworks, Server-Implementierungen und so vieles mehr; im Gegensatz zur Situation vor etwa 10 Jahren, wo noch vieles von Grund auf neu geschaffen werden musste.

AllegroServe und ACL-COMPAT

Ich erinnere mich daran, wie ich den Webserver AllegroServe - einem Projekt des Lisp-Anbieters Franz Inc. - nach LispWorks portierte. AllegroServe war zwar OpenSource, machte jedoch regen Gebrauch von AllegroCL-Spezifika. Multithreading, Sockets, Timeouts, Bivalente Streams - Es war klar, das dieser Code niemals dafür geschrieben worden war auf etwas anderem als AllegroCL zu laufen. Dennoch kam es anders: Chris Double veröffentlichte einen Corman Lisp Port von AllegroServe und motivierte mich damit es ebenfalls zu probieren. Der erste Port nach LispWorks war für mich anfangs nur als Spielerei gedacht, doch dann veröffentlichte ich das Ergebnis dennoch.

Das unerwartet große Interesse an einer Alternative zu CL-HTTP spornte mich an, aus dem Wochenend-Hack eine brauchbare Bibliothek zu schaffen. Mit ACL-COMPAT entwickelte ich eine Bibliothek, die gezielt zum Portieren von AllegroCL-Programmen gedacht war. Anfangs unterstützte ich nur LispWorks und CMUCL; doch es schlossen sich viele Helfer an: Chris Double, John DeSoi, Kevin Rosenberg, Vebjorn Ljosa, Edi Weitz, Peter Van Eynde und Rudi Schlatte. Helfer ist eigentlich bei weitem untertrieben und vielleicht sogar anmaßend - gerade Rudi Schlatte hat das Projekt noch lange Zeit weitergeführt, als ich schon längst nicht mehr ernsthaft beteiligt war. So unterstützt ACL-COMPAT und damit Portable AllegroServe heute GNU CLISP, CMUCL, Corman Lisp, LispWorks, MCL, OpenMCL, SBCL und SCL. ACL-COMPAT war nicht die erste CL-Bibliothek dieser Art, es war jedoch eventuell eine der ersten, die keine eigene API implementierte, sondern sich an einer bestehenden orientierte. Für mich war es der erste Erfolg eines gemeinschaftlichen OpenSource-Projekts.

Auf der Suche...

Eine ganze Weile war Portable AllegroServe meine Wahlplattform für Webanwendungen. Mit dem Webactions-Modell unzufrieden, begann ich bald damit ein eigenes Webframework zu entwickeln. (wie wahrscheinlich fast jeder andere Lisper ;-) )

Irgendwann erschien mir die AllegroServe-Basis als zu kompliziert für meine Zwecke. Wenn ich schon große Teile davon niemals verwende, würde es auch etwas einfacheres tun. Ich portierte mein Framework zu Daniel Barlows Araneida und schaltete gegebenfalls Apache mittels mod_proxy vor. Als Edi Weitz irgendwann mit Hunchentoot einen besonders für LispWorks optimierten Webserver veröffentlichte wechselte ich wieder. LispWorks war längst zu meiner Haupt-Entwicklungsplattform geworden und Hunchentoot war nicht nur schlank und übersichtlich, sondern lief einfach verdammt gut unter LispWorks.

Hunchentoot 1.0

Bis heute bin ich mit Hunchentoot sehr zufrieden. Ich hatte nie Probleme mit Abstürzen und der Quellcode ist überschaubar und gut lesbar. Ich betreibe Hunchentoot mittlerweile ohne vorgeschalteten Apache und bin mit der Performance sehr zufrieden. Demnächst steht das nächste Upgrade an. Version 1.0 wurde komplett überarbeitet: Die API ist eine offene Implementierung und bietet zahlreiche Möglichkeiten Hunchentoot zu erweitern. Die Performance soll noch einmal deutlich verbessert worden sein. In nicht mehr als einem Nachmittag konnte ich mein RESTful Webframeworks Ousion auf die neue Version portieren. In den kommenden Tagen wird Ousion und Hunchentoot 1.0 das momentane W3Broker+Hunchentoot-0.15.7-Gespann ablösen.